Über die fragwürdige Rolle einer Boulevardzeitung als moralische Instanz und die Frage, wer eigentlich bestimmt, was in Deutschland als normal gilt.
Am 18. Oktober 2026 erinnert die BILD an ihr vor drei Jahren veröffentlichtes Manifest mit 50 Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben. Die Zeitung zieht Bilanz: Deutschland habe immer noch ein Problem, die Gesellschaft sei gespaltener denn je.
Gegen eine Diskussion über gemeinsame Werte ist zunächst nichts einzuwenden. Menschenwürde, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit und die Ablehnung von Gewalt sind Grundlagen unseres Zusammenlebens. Dass sie verteidigt werden müssen, steht für mich außer Frage.
Was mich allerdings irritiert, ist die Rolle, die BILD dabei für sich beansprucht. Ausgerechnet eine Boulevardzeitung, deren journalistisches Konzept wesentlich von Zuspitzung, Emotionalisierung und Konflikten lebt, präsentiert sich als moralische Instanz unserer Gesellschaft.
Das verdient eine genauere Betrachtung.
Wenn eine Zeitung zum moralischen Schiedsrichter wird
Selbstverständlich darf eine Zeitung gesellschaftliche Werte vertreten. Sie darf Missstände kritisieren, politische Forderungen formulieren und Position beziehen. Das gehört zur Pressefreiheit.
Mit ihrem Manifest geht BILD jedoch einen Schritt weiter. Sie formuliert 50 Regeln, die offenbar definieren sollen, wie wir in Deutschland zusammenleben und uns verhalten sollen.
Dabei werden grundlegende Verfassungsprinzipien mit gesellschaftlichen Konventionen und kulturellen Vorstellungen vermischt. So steht die Gleichberechtigung von Frauen neben Erwartungen an Begrüßungsrituale oder den Umgang mit bestimmten Traditionen.
Genau darin liegt für mich ein wesentliches Problem.
Unsere Verfassung legt die rechtlichen Grundlagen unseres Zusammenlebens fest. Gleichzeitig schützt sie die Freiheit des Einzelnen, innerhalb dieses Rahmens anders zu denken, zu glauben und zu leben.
Eine Zeitung kann dazu eine Meinung haben. Aber warum sollte ausgerechnet ihre Vorstellung gesellschaftlicher Normalität als allgemeiner Maßstab gelten?
Respekt fordern und von Empörung leben
Noch bemerkenswerter finde ich den Widerspruch zwischen den Werten, die BILD einfordert, und den journalistischen Methoden, für die der Boulevardjournalismus bekannt ist.
Die BILD fordert Respekt, Empathie, Toleranz und einen verantwortungsvollen Umgang miteinander.
Gleichzeitig lebt der Boulevardjournalismus in erheblichem Maße davon, Konflikte zuzuspitzen, Menschen zu personalisieren, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen und Emotionen auszulösen. Empörung erzeugt Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit bringt Reichweite.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jede zugespitzte Schlagzeile falsch oder jede Kritik ungerechtfertigt wäre. Selbstverständlich kann auch eine Boulevardzeitung berechtigte gesellschaftliche Forderungen erheben.
Wer jedoch anderen Respekt und Verantwortungsbewusstsein predigt, muss sich fragen lassen, welchen Beitrag die eigene Berichterstattung zum gesellschaftlichen Klima leistet.
Fördert sie Verständnis für unterschiedliche Perspektiven? Hilft sie dabei, komplexe Zusammenhänge zu erklären? Oder verstärkt sie durch die Auswahl und Darstellung von Konflikten genau jene Polarisierung, die sie anschließend beklagt?
Wer einen respektvolleren gesellschaftlichen Umgang fordert, sollte sich auch an den eigenen Maßstäben messen lassen.
Wer bestimmt eigentlich, was normal ist?
Am problematischsten erscheint mir allerdings der Anspruch, kulturelle Vorstellungen zu allgemeinen gesellschaftlichen Regeln zu erklären.
Eine pluralistische Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen unterschiedliche Lebensentwürfe, religiöse Überzeugungen und kulturelle Traditionen haben dürfen.
Selbstverständlich braucht eine solche Gesellschaft auch gemeinsame Regeln. Diese finden sich vor allem in unserer Rechtsordnung und den Grundrechten. So darf beispielsweise niemand andere bedrohen, diskriminieren oder in ihrer Freiheit verletzen.
Aber muss man sich deshalb zur Begrüßung die Hand geben? Muss man bestimmte Traditionen übernehmen? Muss man sich so verhalten, wie es eine Zeitungsredaktion für typisch deutsch hält?
Zwischen dem Respekt vor gemeinsamen demokratischen Grundwerten und der Anpassung an kulturelle Mehrheitsvorstellungen besteht ein erheblicher Unterschied.
Diesen Unterschied verwischt das BILD-Manifest an mehreren Stellen.
Besonders geschickt ist dabei die Zusammenstellung der Regeln. Wer würde schon der Menschenwürde, der Gleichberechtigung oder dem Verbot von Gewalt widersprechen? Solche Selbstverständlichkeiten erzeugen Zustimmung. Dazwischen finden sich jedoch auch Forderungen, über die in einer freien Gesellschaft durchaus gestritten werden kann.
Dadurch entsteht der Eindruck, alle 50 Regeln besäßen dieselbe Selbstverständlichkeit und Verbindlichkeit.
Das tun sie nicht.
Eine demokratische Gesellschaft muss nicht in allen kulturellen Fragen einer Meinung sein. Sie muss vielmehr lernen, unterschiedliche Auffassungen auszuhalten, solange die Rechte anderer gewahrt bleiben.
Journalismus sollte hinterfragen, nicht Normalität verordnen.
BILD hat das Recht, ein solches Manifest zu veröffentlichen. Ebenso hat jeder das Recht, es abzulehnen.
Was ich kritisiere, ist nicht die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Werten. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der eine Redaktion ihre eigene Vorstellung vom Zusammenleben als Maßstab für eine ganze Gesellschaft präsentiert.
Journalismus hat eine wichtige demokratische Funktion. Er soll informieren, Missstände aufdecken, Macht kontrollieren und gesellschaftliche Debatten ermöglichen. Dazu gehört auch, die eigenen Annahmen zu hinterfragen und unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen.
Ein Regelkatalog, der demokratische Grundprinzipien mit kulturellen Erwartungen vermengt, leistet das nur eingeschränkt.
Und vielleicht liegt hier die eigentliche Ironie: Eine Zeitung, die selbst auf Zuspitzung und Empörung setzt, beklagt die gesellschaftliche Spaltung und bietet als Antwort einen Katalog vermeintlich gemeinsamer Regeln an.
Ich glaube nicht, dass wir solche Regelkataloge brauchen.
Wir brauchen eine konsequente Verteidigung unserer Grundrechte, Respekt vor anderen Lebensentwürfen und eine öffentliche Debatte, die wieder stärker von Argumenten als von Empörung geprägt ist.
Eine pluralistische Gesellschaft muss nicht überall gleich denken und leben. Sie muss lernen, mit ihren Unterschieden demokratisch umzugehen.
Und dazu könnten gerade die Medien einen wichtigen Beitrag leisten.
Anlass und Quellen
- BILD, 18.10.2026: „Drei Jahre nach dem BILD-Manifest: Deutschland, wir haben immer noch ein Problem!“
- BILD, 29.10.2023: „Deutschland, wir haben ein Problem! Hier lesen Sie das BILD-Manifest“
- Grundgesetz, insbesondere Artikel 1, 2, 3, 4 und 5: Gesetze im Internet